Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.

Veröffentlicht: Januar 29, 2014 in Uncategorized

Hirnforschung wirft neues Licht auf rechtliche Verantwortlichkeit

 

Hamburg – Die Hirn­for­schung hat in jüngs­ter Zeit das tra­ditio­nelle Bild vom Men­schen in Frage gestellt.

GehirnforschungHirn­for­scher bringen immer wieder Fas­zinie­ren­des zu Tage.

Beson­ders brisant sind Befunde, die den freien Willen als eine Illu­sion erschei­nen lassen.

Das ist nicht nur für die Philosophie und Reli­gion bedeu­tend, sondern könnte auch einmal wichtig für die straf­recht­liche Verant­wort­lich­keit werden. Wie eine Bilanz in dem Magazin „Gehirn & Geist” (Hei­del­berg, 1/2004) deut­lich macht, können diese Aus­ein­ander­set­zun­gen den Ein­druck erwe­cken, dass es nur zwei extreme Thesen gibt: Ent­weder „Per­sonen handeln als Auto­maten, denen ihr Gehirn vor­gau­kelt, sie würden selbst ent­schei­den”, oder „Neu­robio­logi­sche Erkennt­nisse haben kei­ner­lei Bedeu­tung für unser Selbst­kon­zept als frei und ver­ant­wort­lich han­delnde Men­schen”. Der Beitrag ver­sucht auf­zuzei­gen: „Die Wahr­heit liegt wohl, wie so oft, in der Mitte.”

Der Autor Pro­fes­sor Paul Hoff von der Psych­iatri­schen Uni­ver­sitäts­kli­nik Zürich meint, dass Gerichts­gut­ach­ter künftig häu­figer die funk­tio­nelle Kern­spin­tomo­gra­phie (fMRT) nutzen werden. So könnten etwa Unstim­mig­kei­ten in der Hirn­akti­vität von Straf­tätern erkannt werden, bei­spiels­weise bei der Gefühls­ver­arbei­tung oder der Impuls­kon­trolle.

Im Unterschied zum traditionellen , eher von sozia­len Fehl­anpas­sun­gen eines Täters aus­gehen­den Ansatz würde hier nach der im Gehirn ver­anker­ten Ver­hal­tens­dis­posi­tion gesucht werden. Hoff sieht aller­dings dabei eine Gefahr: „Das alte Kli­schee vom gebo­renen Ver­bre­cher könnte so gleich­sam durch die Hin­ter­tür wieder zurück­keh­ren.”

Die Grenze zwi­schen freien und unfreien Hand­lun­gen ist bislang immer fließend erschie­nen. Neu­erdings jedoch stellen renom­mierte Hirn­for­scher wie etwa Gerhard Roth von der Uni­ver­sität Bremen den freien Willen grundsätz­lich in Frage: Dem Bewusst­sein ver­bor­gene Hirn­pro­zesse führen seiner Meinung nach zu Ent­schei­dun­gen, für die wir uns nachträg­liche Begrün­dun­gen zurecht­legen.

Dieser These liegt auch ein Experiment des Neu­ropsy­cho­logen Ben­jamin Libet von der Uni­ver­sität von Kali­for­nien zu Grunde mit Pro­ban­den, die einen spon­tanen Ent­schluss zu einer bestimm­ten Bewe­gung fassen soll­ten. Gemes­sen wurden: erstens der Augen­blick der Ent­schei­dung, zwei­tens im Gehirn der Aufbau eines Bereit­schafts­poten­zials als Vor­berei­tung der Bewe­gung und drit­tens der Zeit­punkt der Bewe­gung. Es zeigte sich, dass der bewusste Ent­schluss zur Hand­lung 200 Mil­lise­kun­den vor dem Bewe­gungs­beginn auf­trat, jedoch mehr als 300 Mil­lise­kun­den nach dem Beginn des Bereit­schafts­poten­zials. Für Libet ließ das Expe­riment den Schluss zu: Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.

Hans-Lud­wig Kröber, der Foren­sische Psych­iatrie am Uni­ver­sitäts­kli­nikum Ben­jamin Fran­klin der Freien Uni­ver­sität Berlin lehrt, hat grundsätz­liche Ein­wände dagegen erho­ben, Libets Expe­riment für Beur­tei­lun­gen bei Straf­ver­fah­ren zu Grunde zu legen. In einem Beitrag der Zeit­schrift „Neu­rotrans­mit­ter” (Mün­chen) bemerkt er: „Das Expe­riment leidet dar­unter, dass es gar keine ratio­nalen oder emo­tio­nalen Ent­schei­dungs­gründe für das Heben des einen oder anderen Arms gab. Men­schen fun­gier­ten hier als Zufalls­gene­rator.” Es gebe nicht die geringste Ähn­lich­keit dieses Expe­riments und dieser Art von Ent­schei­dung mit emo­tio­nal und ratio­nal hoch­auf­gela­denen Ent­schei­dun­gen, wie sie viel­fach Gegen­stand der Gerichts­psych­iatrie (fo­ren­sische Psych­iatrie) seien.

Es sei nicht überraschend , dass bestimmte Unter­grup­pen chro­nisch Straffäl­liger auch neu­rophy­sio­logi­sche und neu­roa­nato­mische Beson­der­hei­ten auf­wei­sen. Auch das Wahr­neh­men, Werten, Denken und Handeln rechts­kon­for­mer und psy­chisch unge­stör­ter Men­schen sei in erheb­lichem Umfang im bio­logi­schen Unter­grund ver­ankert.

„Dass unsere Ent­schei­dun­gen auf einer mate­riell fass­baren bio­logi­schen Grund­lage erfol­gen, besagt noch nichts darü­ber, ob es freie Ent­schei­dun­gen sind, und ent­spre­chend auch nichts über die straf­recht­liche Verant­wort­lich­keit”, betont Kröber. „Wir sind straf­recht­lich ver­ant­wort­lich, wenn wir imstande sind, unsere Ent­schei­dun­gen von ver­nünf­tigen Erwä­gun­gen abhän­gig zu machen, wenn wir also imstande sind, unsere Wünsche kri­tisch zu bewer­ten.” Kröber räumt indes­sen ein: „Die weitere Erfor­schung der Funk­tions­wei­sen des Gehirns ist auch für die foren­sische Psych­iatrie von hohem Inter­esse.”

 

http://archiv.rhein-zeitung.de/on/04/03/23/news/t/rzo41059.html

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